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Ein kleines Radio mitten im Park

Was ein Besuch bei KIOSK RADIO in Brüssel mit ECHO RADIO zu tun haben könnte.

Manchmal muss man ziemlich weit fahren, um eine Idee zu entdecken, die einen anschließend wieder nach Hause begleitet.

Vorletztes Wochenende war ich in Brüssel. Mitten im Parc Royal, zwischen Königspalast, breiten Wegen, alten Bäumen, Spaziergängern und Touristen, steht ein kleiner hölzerner Kiosk.

Eigentlich nichts Spektakuläres.

Und genau das macht ihn so interessant.

Denn aus diesem Kiosk sendet seit 2017 KIOSK RADIO – ein unabhängiges Community-Webradio, das rund um die Uhr Musik ins Netz schickt. DJs legen auf, Künstler kommen vorbei, Gespräche werden geführt, Sendungen produziert. Musikalisch reicht das Programm von Jazz und Rock über Hip-Hop und Ambient bis zu elektronischer und experimenteller Musik.

Aber vor Ort merkt man ziemlich schnell:

Das Radio ist eigentlich nur ein Teil davon.

www.kioskradio.com

Radio zum Anfassen

Vor dem Kiosk sitzen Menschen.

Andere bleiben beim Vorbeigehen stehen. Jemand holt sich etwas zu trinken. Musik läuft. Menschen unterhalten sich. Ein DJ steht hinter der Scheibe. Manche sind wahrscheinlich gezielt wegen des Radios gekommen, andere möglicherweise nur zufällig.

Und plötzlich ist da etwas, was beim normalen Webradio fast vollständig verloren geht:

ein Ort.

Das fand ich bemerkenswert.

Denn technisch könnte KIOSK RADIO vermutlich aus irgendeinem Hinterzimmer senden. Für einen Internetstream wäre es ziemlich egal, ob das Studio mitten im Parc Royal oder im dritten Stock eines Bürohauses steht.

Für die Idee macht es aber einen gewaltigen Unterschied.

Der kleine Kiosk ist Studio, Treffpunkt und sichtbares Zeichen zugleich. KIOSK selbst beschreibt ihn ausdrücklich nicht nur als Studio, sondern als Treffpunkt, an dem sich Einheimische, Besucher und unterschiedliche Communities begegnen und Musik zum gemeinsamen Nenner wird. Direkt daneben gehört sogar eine kleine Bar zum Konzept; deren Einnahmen unterstützen das gemeinnützige Radioprojekt.

Das Internet sorgt für die Reichweite.

Der Kiosk sorgt für die Begegnung.

Diesen Gedanken habe ich aus Brüssel mitgenommen.

Und dann war da plötzlich ECHO

ECHO RADIO gibt es als Idee bei mir nicht erst seit gestern. Selbst das Logo stammt bereits aus dem Jahr 2013.

Aber manchmal braucht eine alte Idee einen neuen Blick.

Beim Sitzen und Schauen im Parc Royal habe ich deshalb irgendwann nicht mehr nur darüber nachgedacht, was KIOSK RADIO dort macht. Ich habe mich gefragt:

Wie könnte unsere eigene Antwort darauf aussehen?

Eine Kopie des Brüsseler Kiosks kann und soll ECHO RADIO nicht werden.

Das Ruhrgebiet ist nicht Brüssel. Und ECHO braucht keinen eigenen Kiosk im Park.

Vielleicht liegt gerade darin der entscheidende Unterschied.

KIOSK RADIO hat einen Ort.

ECHO RADIO sucht Orte auf.

www.echoradio.one

Das Radio kommt zu den Menschen

Mit unserer alten weißen Citroën Acadiane Marlene gibt es dafür sogar schon ein ziemlich passendes mobiles Radiostudio – zumindest in meinem Kopf.

Keinen Übertragungswagen voller Technik.

Ein paar Mikrofone. Ein kleiner Mischer. Rechner. Internetverbindung. Vielleicht zwei Lautsprecher. Ein ECHO-Schild an der Tür.

Mehr braucht es zunächst gar nicht.

Denn unsere eigentliche Sendeinfrastruktur liegt ohnehin im Netz. Beiträge können aufgenommen, bearbeitet und später ausgestrahlt werden. Und wenn es passt, können wir von einem Ort auch live senden.

Marlene könnte also irgendwo ankommen, die Tür geht auf – und für ein paar Stunden ist dort Radio.

Auf Zollverein.

An einer Trinkhalle.

Im Stadtgarten.

Im Hexbachtal.

Bei einem Festival.

Oder irgendwann vielleicht wieder in Brüssel.

Radio, wo wir sind.

Ein Tisch davor

Und dann gibt es noch den GELBEN TISCH.

Auch diese Verbindung ist mir durch Brüssel klarer geworden.

Der GELBE TISCH braucht kein Radio, um zu funktionieren. Er ist zunächst einfach ein Ort für Begegnung: Tisch hinstellen, Stühle dazu, Menschen kommen miteinander ins Gespräch.

ECHO RADIO braucht wiederum nicht zwingend den GELBEN TISCH.

Aber wenn beide zusammenkommen, passiert etwas Interessantes.

Marlene steht ein paar Meter entfernt und wird zum kleinen Radiostudio. Vor ihr steht der GELBE TISCH. Dort sitzen Menschen, reden miteinander, ziehen vielleicht eine unserer Gesprächskarten und erzählen.

Wer einfach nur reden möchte, redet.

Wer seine Geschichte auch mit anderen teilen möchte, kann ins Radio kommen.

So wird aus Begegnung Öffentlichkeit.

Oder noch einfacher:

Was wir uns erzählen, bleibt nicht am Tisch.

www.gelbertisch.one

Nicht alles muss live sein

Auch das ist für mich eine wichtige Erkenntnis.

Community-Radio muss nicht bedeuten, dass ständig jemand mit einem Mikrofon herumläuft und alles sofort live überträgt.

Vielleicht erzählt mir jemand am Tisch von seiner Kindheit in Essen.

Eine ehemalige Bergfrau erzählt von Zollverein.

Ein Jugendlicher erzählt, warum er seinen Stadtteil ganz anders wahrnimmt als seine Eltern.

Ein Musiker spielt zwei Stücke.

Oder jemand erzählt einfach, warum er jeden Morgen mit seinem Hund genau durch diesen Park läuft.

Das kann ECHO RADIO sein.

Aus solchen Begegnungen können Interviews, O-Töne, kleine Features, Musiksendungen oder Podcasts entstehen. Und manche Geschichten können anschließend auch bei einem anderen Sender unseres youbuddy-Netzwerks weiterleben.

Der Mensch und der Ort erzeugen den Inhalt.

Wir geben ihm ein Echo.

Von Brüssel nach Essen – und vielleicht wieder zurück

Besonders interessant wird KIOSK RADIO für mich deshalb noch aus einem anderen Grund.

Das Projekt denkt Community-Radio längst international. KIOSK arbeitet mit anderen Community-Radios zusammen, organisiert Workshops und Residenzen und ist an europäischen Kooperationsprojekten beteiligt. Gemeinsam mit Refuge Worldwide aus Berlin unterstützte KIOSK beispielsweise im Rahmen eines Erasmus+-Projekts den Aufbau von Radio Dopo in Palermo. Andere Projekte verbinden Community-Radios und Kulturszenen unter anderem in Brüssel, Mailand, München, Athen und Brno.

Das ist eine Dimension, die ich für youbuddy und ECHO RADIO ausgesprochen spannend finde.

Warum sollte Community-Radio an einer Stadtgrenze enden?

Brüssel und das Ruhrgebiet liegen nicht an entgegengesetzten Enden der Welt. Beide Regionen sind europäisch, international und durch Migration geprägt. Beide haben sich immer wieder verändert. Und beide besitzen eine enorme kulturelle Vielfalt.

Vielleicht könnte irgendwann daraus tatsächlich etwas entstehen:

ECHO RADIO × KIOSK RADIO

Brüssel × Ruhrgebiet.

Eine gemeinsame Sendung.

Ein DJ-Austausch.

Gespräche aus beiden Regionen.

Ein kleines mobiles ECHO-Studio im Parc Royal.

Oder KIOSK zu Gast im Ruhrgebiet.

Das ist bisher keine vereinbarte Kooperation. Es ist zunächst eine Idee.

Aber genau dafür gibt es bei youbuddy schließlich diese NOTIZEN.

Um Gedanken festzuhalten, bevor aus ihnen vielleicht etwas anderes wird.

Was bleibt?

Ich bin nach Brüssel gefahren und habe einen kleinen Holzkiosk in einem Park besucht.

Mitgenommen habe ich eine ziemlich große Frage:

Wo findet Radio eigentlich statt?

Die technische Antwort lautet heute: überall.

Die interessantere Antwort könnte sein:

Dort, wo Menschen sind.

KIOSK RADIO hat dafür in Brüssel einen bemerkenswerten Ort geschaffen.

ECHO RADIO könnte daraus seine ganz eigene Antwort entwickeln.

Nicht mit einem festen Kiosk.

Sondern unterwegs.

Wir kommen. Wir hören. Wir senden.

Und was ein Ort uns erzählt, bekommt ein Echo.

(Seggy)

www.kioskradio.com
www.echoradio.one
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